Am 05.05. ist Welttag der Händehygiene
Welttag der Händehygiene: Warum richtige Händehygiene in Lebensmittelbetrieben entscheidend für Produktsicherheit, Auditfähigkeit und Infektionsprävention ist.
Kurzfassung
Für Qualitätsmanager in der Lebensmittelproduktion ist Händehygiene ein Steuerungshebel für Produktsicherheit, Auditfähigkeit und Kostenkontrolle. Die Literatur zeigt, dass Handwäsche mit Seife und Wasser sowie alkoholische Händedesinfektion die bakterielle Last auf den Händen wirksam senken. Bei Viren ist die Datenlage heterogener; nicht umhüllte Viren wie Norovirus sind anspruchsvoller, und alkoholische Händedesinfektion sollte hier nur mit nachgewiesener viruzider Wirksamkeit und nicht als pauschaler Ersatz für Händewaschen bewertet werden. Die größte Lücke in der Praxis ist häufig nicht fehlendes Wissen, sondern die unzureichende Ausführung. Aktuelle Beobachtungsstudien aus Lebensmittelbetrieben zeigen, dass viele Händehygienehandlungen technisch oder formal nicht regelkonform durchgeführt werden. Das Recht fordert geeignete Infrastruktur und persönliche Sauberkeit. Standards wie IFS und BRCGS konkretisieren dies zu dokumentierten, risikobasierten, überwachten und wirksamkeitsgeprüften Händehygieneprogrammen. (Hilton et al., 2025; Eggers and Suchomel, 2023; Evans et al., 2025; Mohamed and Evans, 2024; European Parliament and Council of the European Union, 2004; IFS Management GmbH, 2023; BRCGS, 2022)
In Produktionsbetrieben sollten Händehygiene-Maßnahmen zonen- und prozessbezogen geführt werden. Besonders an Eingängen zu Produktions- und Hochrisikobereichen, bei Wechseln von Rohwarenbereichen zu Bereichen mit verzehrfertigen Produkten, nach Toiletten- und Pausenrückkehr, nach Kontakt mit kontaminierten Oberflächen oder Rohware und vor allen offenen Arbeitsschritten nach keimreduzierenden Prozessschritten sowie vor Verpackungsschritten müssen sie funktional aufgebaut sein. Die wirksamste Strategie für den Erfolg ist ein Bündel aus guter Infrastruktur, klaren Standardarbeitsanweisungen, beobachtbarer Technik, wiederholter Verhaltensrückmeldung, Hautschutz und risikobasierten Kennzahlen. (BRCGS, 2022; IFS Management GmbH, 2023; WHO, 2009c)
Da Betriebsgröße, Automationsgrad, Produktkategorie, Hygieneklasse und nationale Produktzulassungen in den bestehenden Anforderungen nicht spezifiziert sind, formuliert dieser Newsletter einen sektorübergreifenden Rahmen bewährter Praxis für die Lebensmittelproduktion mit Schwerpunkt auf exponierten Produkten und manuellen Prozessschritten.
Was Händehygiene im Lebensmittelbetrieb heute bedeutet
Nach der Terminologie der Weltgesundheitsorganisation ist Händehygiene jede hygienische Maßnahme zur Reduktion transienter Mikroorganismen auf den Händen; praktisch geschieht das durch Handwäsche mit Seife und Wasser oder durch Einreiben mit einer alkoholbasierten Formulierung. Wenn Hände nicht sichtbar verschmutzt sind, ist alkoholbasiertes Einreiben ein wirksames Verfahren; bei sichtbarer Verschmutzung ist Handwäsche erforderlich. Die WHO gibt für Handdesinfektion 20–30 Sekunden und für Handwäsche 40–60 Sekunden an. (WHO, 2009a; WHO, 2009b)
Für Lebensmittelbetriebe sind vor allem zwei Erregergruppen relevant. Die erste umfasst klassische lebensmittelbedingte bakterielle Gefahren wie Campylobacter, Salmonella, STEC und Listeria monocytogenes. Die zweite umfasst fäkal-oral übertragbare Viren, insbesondere Norovirus und Hepatitis A, die über infizierte Personen, kontaminierte Hände oder kontaminierte verzehrfertige Produkte eingetragen werden können. In der EU waren 2024 Campylobacteriose und Salmonellose die am häufigsten gemeldeten Zoonosen; zugleich blieben Noroviren ein zentraler Auslöser lebensmittelbedingter Ausbrüche. (EFSA and ECDC, 2025)
Für Qualitätsmanager ist besonders wichtig, dass sich nicht alle Mikroorganismen auf den Händen gleich verhalten. Die systematische Übersichtsarbeit von Hilton et al. in Gemeinschaftsumgebungen zeigt, dass für Bakterien mittlere Reduktionen von 2,19 log10 nach Handwäsche mit Seife und Wasser und 3,13 log10 nach alkoholischen Händedesinfektionsmitteln erreicht werden. Für Viren lagen die mittleren Reduktionen bei 2,03 log10 nach Handwäsche mit Seife und Wasser und 1,86 log10 nach alkoholischen Händedesinfektionsmitteln. Daraus folgt nicht, dass Händewaschen der Händedesinfektion generell überlegen ist. Entscheidend ist vielmehr: Bei sichtbarer Verschmutzung bleibt Händewaschen erforderlich; bei nicht umhüllten Viren wie Norovirus muss die Wirksamkeit des konkreten Produkts gegen die relevante Virusgruppe belegt sein. (Hilton et al., 2025; Eggers and Suchomel, 2023; WHO, 2009a; WHO, 2009b)
Die wichtigste neue Einsicht ist diese Differenzierung: Händehygiene muss zur Gefährdung passen. Gegen bakterielle Kontamination kann eine gut formulierte alkoholische Händedesinfektion sehr stark wirken; gegen nicht umhüllte Viren ist die Leistung stärker produkt- und verfahrensabhängig. Eine 2025 publizierte Studie zu schäumenden Händedesinfektionsmitteln zeigte, dass die Wirksamkeit stark vom Virus-Typ, von der Formulierung und von der Reibedauer abhängt. Das umhüllte Virusmodell Phi 6 war deutlich empfindlicher als das nicht umhüllte Virusmodell MS2; längeres Reiben bis zum Trocknen erhöhte die Inaktivierung deutlich. Für Qualitätsmanager heißt das: Produktfreigabe darf nicht nach Werbeaussagen, sondern nach validierter Wirksamkeit gegen die relevanten Zielorganismen erfolgen. (Torko and Gibson, 2025; Eggers and Suchomel, 2023)
Wo Hände zum kritischen Kontrollpunkt werden
Die rechtlich und normativ relevantesten Kontaktstellen sind Eintritts- und Übergangspunkte: Produktionszugänge, Hygieneschleusen, Toilettenrückkehr, Pausenrückkehr und alle Übergänge zwischen Zonen oder Tätigkeiten mit unterschiedlichem Kontaminationsprofil. Die EU-Hygieneverordnung verlangt ausreichend und geeignet platzierte Handwaschbecken mit heißem und kaltem Wasser, Mittel zum Händereinigen und hygienisches Trocknen. Mitarbeitende in Lebensmittelbereichen müssen ein hohes Maß an persönlicher Sauberkeit einhalten. (European Parliament and Council of the European Union, 2004)
Die aktuellen Industrieanforderungen sind noch konkreter. BRCGS fordert Handwascheinrichtungen an den Zugängen zu Produktionsbereichen und an weiteren geeigneten Stellen innerhalb der Produktion, mit Hinweisschildern, Wasser in geeigneter Temperatur, handfreien Armaturen, Flüssig- oder Schaumseife sowie Einmalhandtüchern oder geeignet konstruierten Lufttrocknern. Für Bereiche mit erhöhten Hygieneanforderungen, im BRCGS-Kontext High Care beziehungsweise High Risk, verlangt BRCGS beim Eintritt ausdrücklich Handwäsche und Händedesinfektion. (BRCGS, 2022)
Auch der IFS-Standard ist eindeutig: Persönliche Hygieneregeln müssen risikobasiert dokumentiert sein und mindestens Händewaschen, Händedesinfektion, Fingernägel, Schmuck, Schnitte/Hautverletzungen und die Meldung infektiöser Erkrankungen abdecken. Die Einhaltung ist risikobasiert, aber mindestens einmal pro drei Monate zu überwachen; zusätzlich ist ein risikobasiertes Programm zur Steuerung der Wirksamkeit der Händehygiene gefordert. (IFS Management GmbH, 2023)
- Beim Zonen-Eintritt in Niedrigrisiko-, Hochhygiene- oder Hochrisikobereiche, weil hier Personalbewegung zur Keimbrücke werden kann. (BRCGS, 2022)
- Vor offenen Arbeitsschritten nach keimreduzierenden Prozessschritten und bei verzehrfertigen Produkten, etwa Portionieren, Belegen, Sortieren, Nacharbeiten, manuellem Einlegen und Verpacken. Hier kann eine Handkontamination direkt auf das verzehrfertige Produkt übergehen. (FAO and WHO, 2023)
- Nach Rohwarenkontakt, Abfall, Reinigung, Wartung und nach Kontakt mit Paletten, Türen, Bedienelementen oder anderen Nicht-Lebensmittelkontaktflächen. Gerade dieser Punkt wird im Alltag häufig unterschätzt. (FAO and WHO, 2023)
- Bei Allergen- und Produktwechsel weil Personal ein Vektor für Allergen-Kreuzkontakt sein kann. Der aktuelle Allergenkodex betont handnahe Prävention ausdrücklich. (Codex Alimentarius Commission, 2020)
- Bei symptomatischen oder frisch genesenen Mitarbeitenden, besonders bei Norovirus-typischer Symptomatik wie Erbrechen und Diarrhö. Infizierte Mitarbeitende sind ein klassischer Treiber von Kontaminationen bei verzehrfertigen Produkten. (FAO and WHO, 2023)
Die neueste branchennahe Beobachtung ist ernüchternd und deshalb so wertvoll. In einer Studie aus 2025 aus drei Lebensmittelbetrieben setzten zwar 88 % der Mitarbeitenden vor Betreten der Produktionsbereiche irgendeine Händehygienehandlung an, aber 98 % dieser Versuche waren nicht protokollkonform. In einer Studie aus 2024 aus einer Sandwichproduktion mit verzehrfertigen Produkten waren nur 1 % der beobachteten Versuche vollständig regelkonform. 95 % unterschritten die empfohlene Waschdauer, und 62 % nutzten nach Waschen und Trocknen nicht den vorgesehenen Desinfektionsschritt. Genau hier liegt der Hebel für Qualitätsmanager: nicht mehr Poster, sondern bessere Ausführung. (Evans et al., 2025; Mohamed and Evans, 2024)
Wie Erreger zuverlässig entfernt werden
Handwäsche
Geeignet für:
sichtbare Verschmutzung; Fett/Eiweiß; nach Toilette; nach Rohware/Abfall; Norovirus-Risiko
Dauer / Voraussetzung:
40–60 s; vollständig einseifen, abspülen und hygienisch trocknen
Stärken:
entfernt Schmutz und organisches Material; breit wirksam
Grenzen:
zeitaufwendiger; abhängig von Technik und Waschplatz
Alkoholische Händedesinfektion
Geeignet für:
saubere, trockene Hände; Zusatzschritt in Hygieneschleusen
Dauer / Voraussetzung:
20–30 s oder Herstellerkontaktzeit; Hände vollständig benetzen
Stärken:
schnell; sehr gute bakterielle Wirksamkeit
Grenzen:
nicht bei sichtbarer Verschmutzung; Virenwirkung produktabhängig
Waschen + Desinfizieren
Geeignet für:
Hochhygiene-/Hochrisikobereiche; exponierte verzehrfertige Produkte
Dauer / Voraussetzung:
waschen, trocknen, freigegebene Kontaktzeit einhalten
Stärken:
robuster Standard für sensible Bereiche
Grenzen:
nur wirksam bei sauberer Ausführung beider Schritte
Desinfektionstücher
Geeignet für:
nur validierte Sonderfälle
Dauer / Voraussetzung:
produkt- und verfahrensspezifisch
Stärken:
praktisch in Sonderlagen
Grenzen:
nicht Standardlösung; Evidenz heterogen
(WHO, 2009a; WHO, 2009b; Hilton et al., 2025; Torko and Gibson, 2025; BRCGS, 2022)
Handschuhe sollten niemals als Ersatz für Händehygiene genutzt werden. Sie sind risikobasiert und aufgabenbezogen einzusetzen und dürfen nur auf saubere und trockene Hände gezogen werden. Bei Handschuhwechsel, Beschädigung, Kontamination oder Zonenwechsel ist Händehygiene gemäß betrieblicher Standardarbeitsanweisung durchzuführen, bevor neue Handschuhe angezogen werden. Handschuhe ersetzen Händehygiene nie. (WHO, 2009a; WHO, 2025)
Was aktuell besonders wichtig ist
Die RKI-S2k-Leitlinie betont, dass die vollständige Benetzung aller Handflächen, Fingerkuppen, Nagelfalze, Daumen und Zwischenräume entscheidend ist. Unbenetzte Bereiche bleiben unbehandelt und können die Wirksamkeit der Händedesinfektion entscheidend mindern. Genau deshalb sind UV-/Fluoreszenz-gestützte Technikschulungen so nützlich: Sie machen Unsichtbares sichtbar. (Kramer et al., 2024)
Eine 2025 publizierte Studie zu schäumenden Händedesinfektionsmitteln zeigte, dass die Wirksamkeit auch stark vom Virus-Typ, von der Formulierung und von der Reibedauer abhängt. Das umhüllte Virusmodell Phi 6 war deutlich empfindlicher als das nicht umhüllte Virusmodell MS2; längeres Reiben bis zum Trocknen erhöhte die Inaktivierung deutlich. Das ist für Lebensmittelbetriebe relevant, weil die Virusrisiken in der Praxis stark von Norovirus geprägt sein können. (Torko and Gibson, 2025)
Norovirus braucht Vorsicht. Aktuelle Studien und Leitlinien zeigen, dass alkoholische Händedesinfektionsmittel zusätzlich eingesetzt werden können, aber nicht als alleiniger Ersatz für Handwäsche mit Seife und Wasser. Bei Norovirus-typischen Szenarien, etwa Erbrechen oder Diarrhö im Betrieb, sollte die Standardarbeitsanweisung ausdrücklich „Waschen zuerst“ verlangen. (Eggers and Suchomel, 2023)
Auch die Handtrocknung ist kein Nebenschritt. Eine aktuelle experimentelle Studie aus dem Innenraum- und Waschraumkontext fand bei elektrischen Handtrocknern mehr Tröpfchen- und Aerosolverbreitung als bei Papierhandtüchern. Für Lebensmittelbetriebe ist dies kein direkter Wirksamkeitsnachweis, aber ein plausibler Grund, in exponierten Bereichen mit verzehrfertigen Produkten Einmalhandtücher als konservativere Lösung zu bevorzugen. Eine frühere kritische Literaturübersicht bewertet die Datenlage zu Handtrocknungsmethoden insgesamt als methodisch uneinheitlich. (Moura et al., 2025; Reynolds et al., 2021)
Wie ein wirksames System implementiert wird
Die belastbarste Umsetzungslogik ist ein multimodaler Ansatz. Infrastruktur, Schulung, Bewertung und Rückmeldung, Erinnerungssysteme und Führungsklima müssen gleichzeitig stimmen. Genau diese fünf Elemente beschreibt die WHO als wirksame Verbesserungsstrategie. IFS und BRCGS verlangen parallel dokumentierte Regeln, Überwachung und Wirksamkeitskontrolle. Für Lebensmittelbetriebe bedeutet das: gute Waschplätze und Spender, eindeutige Zoneneintrittsregeln, beobachtbare Technikstandards, wiederkehrende Rückmeldung und Managementpräsenz in der Produktion. (WHO, 2009c; IFS Management GmbH, 2023; BRCGS, 2022)
Was in jede Standardarbeitsanweisung gehört
Jede Händehygiene-Standardarbeitsanweisung sollte mindestens Folgendes festlegen:
- Geltungsbereich nach Zone und Produkttyp: Niedrigrisiko-, Hochhygiene- und Hochrisikobereiche, verzehrfertige Produkte, Arbeitsschritte nach keimreduzierenden Prozessschritten, Nacharbeit und Allergenlinie. (BRCGS, 2022)
- Auslöser: Eintritt, Zonenwechsel, Toilettenrückkehr, Pausenrückkehr, Rohwarenkontakt, Abfall, Reinigung, Wartung, Husten/Nase/Gesicht, Handschuhwechsel, Allergenwechsel. (FAO and WHO, 2023)
- Schrittfolge: Wann gewaschen wird, wann desinfiziert wird, in welcher Reihenfolge, welche Kontaktzeit gilt, wie getrocknet wird und wann Handschuhe erlaubt oder verboten sind. (WHO, 2009b)
- Persönliche Hygiene: Schmuck, Uhren, Nägel, Nagellack, Kunstnägel, Wunden, Hautprobleme, Krankmeldung. (IFS Management GmbH, 2023)
- Abweichungen und Eskalation: Was passiert bei verpasstem Hygieneschritt vor offenem Produkt, bei fehlerhaftem Zonen-Eintritt oder bei symptomatischen Mitarbeitenden. (IFS Management GmbH, 2023)
Schulung, die Verhalten wirklich verändert
Schulungen verbessern Wissen zuverlässig, Verhalten aber nur dann nachhaltig, wenn Schulung praktisch, wiederholt, beobachtbar und rückmeldungsbasiert ist. Meta-Analysen zu Schulungen im Lebensmittelumfeld zeigen gute Effekte auf Wissen, aber deutlich schwächere und variablere Effekte auf tatsächliches Verhalten ohne weitere Unterstützung. (Insfran-Rivarola et al., 2020; Young et al., 2019)
Besonders interessant ist eine randomisierte Studie aus 2025 mit Mitarbeitenden im Lebensmittelbereich. Hier steigerte eine Schulung in einer virtuellen Lernumgebung die Waschdauer, die Anzahl korrekt ausgeführter WHO-Schritte und die Ausführungsqualität stärker als klassische Präsenzschulung oder Schulung mit fluoreszierender Testsubstanz zur Sichtbarmachung von Waschfehlern. Das bedeutet nicht, dass jeder Betrieb eine virtuelle Lernumgebung braucht. Es bedeutet aber, dass aktive, praxisnahe, unmittelbar rückgemeldete Schulungsformen wirksamer sind als passive Unterweisung. (Karabulut et al., 2025)
Die Analyse nach dem Verhaltensmodell aus Fähigkeit, Gelegenheit und Motivation (COM-B) aus Lebensmittelbetrieben liefert dafür die richtige Verhaltenslogik. Relevante Treiber waren nicht nur Wissen, sondern Gewohnheit, Aufmerksamkeit/Erinnerung, wahrgenommene Wichtigkeit, verfügbare Gelegenheit, Hautirritation und andere praktische Hürden. Wer Einhaltung steigern will, muss die Verfügbarkeit der richtigen Mittel, Möglichkeit und Motivation gleichzeitig adressieren: Technik trainieren, Reibung aus dem Prozess herausnehmen und korrektes Verhalten sozial sichtbar wertschätzen. (Kebbi et al., 2026)
Konkrete Motivations- und Verstärkungsstrategien
Für Lebensmittelbetriebe sind fünf Strategien besonders evidenznah:
- Kurzrückmeldung am Ort des Geschehens statt nur Monatsbericht. Beobachtetes Verhalten am selben Tag rückmelden. (WHO, 2009c)
- Fluoreszenz-/UV-Checks für Technikqualität, nicht nur Theorieprüfungen. (Kramer et al., 2024)
- Hautschutz als Maßnahme zur Verbesserung der Einhaltung: Hautirritation senkt Bereitschaft und Qualität. WHO und aktuelle Verhaltensforschung nennen Hautschutz explizit. (WHO, 2009a; Kebbi et al., 2026)
- Zielgruppenspezifische Schulung für Leiharbeit, Saisonkräfte und mehrsprachige Teams. IFS verlangt angepasste Programme nach Aufgaben und Sprache. (IFS Management GmbH, 2023)
- Anerkennung statt nur Sanktion: Echtzeitdaten können Schulungseffektivität sichtbar machen und korrektes Verhalten belohnen, was die Lebensmittelsicherheitskultur stärkt. (Evans et al., 2023)
Wie Wirkung gemessen und auditiert wird
Der häufigste Messfehler ist, nur „Händehygiene passiert / passiert nicht“ zu erfassen. Für Qualitätsmanager ist relevant, ob der richtige Schritt, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, mit richtiger Technik, mit richtiger Dauer und mit richtiger Eskalation erfolgt. IFS verlangt ausdrücklich Wirksamkeitskontrolle; WHO und RKI betonen Überwachung, Rückmeldung und Verbrauchsdaten als Steuerungselemente. (IFS Management GmbH, 2023; WHO, 2009c; Kramer et al., 2024)
Empfohlene Kennzahlen
Es gibt keine belastbare universelle Zahl, die für jeden Betrieb als gute Händehygiene gilt. Produkttyp, Zonen, Automationsgrad und beobachtete Gelegenheiten unterscheiden sich zu stark. Sinnvoll ist deshalb ein kleines, stabiles Kennzahlen-Set:
- Einhaltung an kritischen Gelegenheiten (%): korrekt ausgeführte Händehygiene / alle definierten Gelegenheiten. Fokus: Zonen-Eintritt, verzehrfertige Produkte, Arbeitsschritte nach keimreduzierenden Prozessschritten und Übergänge von Rohwaren zu verzehrfertigen Produkten. (IFS Management GmbH, 2023)
- Einhaltung der vollständigen Technik (%): Anteil der Ereignisse mit korrekter Schrittfolge, ausreichender Dauer, Produktnutzung und hygienischem Trocknen. (WHO, 2009b)
- Nichteinhaltungsrate: Anteil definierter Gelegenheiten ohne Händehygienehandlung. (Mohamed and Evans, 2024)
- Produktverbrauch pro kritischer Gelegenheit oder pro 1.000 Eintritte: nicht als Ersatz für Beobachtung, sondern als Trendindikator. RKI nutzt Verbrauchsdaten als Steuerungssignal. (Kramer et al., 2024)
- Anteil bestandener Praxisschulungen: Anteil bestandener Praxisvalidierungen, z. B. UV-Abdeckung oder strukturierte Live-Beobachtung. (Kramer et al., 2024)
- Bearbeitungszeit für wiederkehrende Korrektur- und Vorbeugungsmaßnahmen: Wie schnell werden gleiche Hygienefehler stabil beseitigt? (IFS Management GmbH, 2023)
Audit- und Überwachungsansätze
Strukturierte Beobachtung
Messung:
Zeitpunkt, Technik, Dauer
Vorteile:
aussagekräftig für Prozessverhalten
Grenzen:
Beobachtereffekt; Personalaufwand
Geeignet wofür:
Rundgänge, Schulung
Verdeckte Beobachtung
Messung:
Alltagsverhalten
Vorteile:
geringerer Beobachtereffekt
Grenzen:
rechtlich/mitbestimmungspflichtig; Vertrauensfrage
Geeignet wofür:
Ursachenanalyse; nur transparent geregelt
UV-/Fluoreszenzübung
Messung:
Benetzung und Abdeckung
Vorteile:
sehr anschaulich
Grenzen:
kein direkter Keimnachweis
Geeignet wofür:
Einarbeitung, Nachschulung
Produktverbrauchsdaten
Messung:
Verbrauchstrend
Vorteile:
einfach, laufend
Grenzen:
kein Techniknachweis
Geeignet wofür:
Frühwarnung, Managementübersicht
Adenosintriphosphat-(ATP-) oder mikrobiologische Tests
Messung:
Restbelastung
Vorteile:
hilfreich bei Validierung und Fehlersuche
Grenzen:
nicht pathogen- oder verhaltensspezifisch
Geeignet wofür:
Validierung, Ursachenanalyse
Quelle: Überwachungskonzepte von RKI und WHO, Studien aus dem Lebensmittelbereich mit Kameraauswertung, Übersichtsarbeiten zu direkter Beobachtung, UV-Schulung und Grenzen von ATP-Messungen. (Kramer et al., 2024; WHO, 2009c; Evans et al., 2025; Mohamed and Evans, 2024)
Praxischecklisten und priorisierte Quellen
Sofort einsetzbare Checkliste für den Rundgang vor Ort
Täglicher Rundgang vor Ort für Qualitätsmanager:
- Sind alle kritischen Händehygiene-Auslöser pro Zone sichtbar definiert? (BRCGS, 2022)
- Funktionieren alle Waschplätze, und sind Seife, Wasser, Trocknung und gegebenenfalls alkoholisches Händedesinfektionsmittel verfügbar? (European Parliament and Council of the European Union, 2004)
- Werden Hände beim Eintritt in Hochhygiene-Bereiche und Bereiche mit verzehrfertigen Produkten tatsächlich korrekt gewaschen und, wenn vorgesehen, desinfiziert? (BRCGS, 2022)
- Werden Einmalhandtücher hygienisch verwendet und Armaturen ohne Rekontamination geschlossen? (WHO, 2009a)
- Sind Schmuck, Uhren, Kunstnägel, Nagellack und Hautläsionen regelkonform gemanagt? (IFS Management GmbH, 2023)
- Werden Handschuhe nur risikobezogen und aufgabenbezogen eingesetzt und rechtzeitig gewechselt? (WHO, 2025)
- Wird bei Allergenwechseln Händehygiene ausdrücklich in die Standardarbeitsanweisung integriert? (Codex Alimentarius Commission, 2020)
- Gibt es tägliche kurze Rückmeldungen auf Basis echter Beobachtungen? (WHO, 2009c)
- Werden Hautprobleme aktiv erfasst und mit Hautschutz adressiert? (WHO, 2009a)
- Ist klar geregelt, dass symptomatische Mitarbeitende nicht an Lebensmitteln arbeiten? (FAO and WHO, 2023)
Mindestregelung für Handschuhe, Schmuck und Nägel
Handschuhe: nur, wenn Prozess oder Risiko es verlangen; Hände vor dem Anziehen sauber und trocken; Handschuhe zwischen Aufgaben, Produkten, Zonen und nach Kontamination wechseln; sie ersetzen Händehygiene nie. (WHO, 2025)
Schmuck und Uhren: IFS untersagt sichtbaren Schmuck und Uhren grundsätzlich; BRCGS verlangt dokumentierte persönliche Hygieneregeln; die aktuelle RKI-S2k-Leitlinie begründet das mit Hygienebehinderung und möglicher Pathogenreservoirbildung. Für Produktionsbetriebe mit offenem Produkt ist eine strenge „Kein Schmuck“-Regel die sicherste und auditfesteste Linie. (IFS Management GmbH, 2023; BRCGS, 2022; Kramer et al., 2024)
Nägel: kurz, sauber, unbeschädigt, unlakiert; keine Kunstnägel, kein Nageldesign. Die Begründung ist doppelt: bessere Reinigbarkeit und geringeres Risiko für Handschuhdefekte beziehungsweise bakteriell besiedelte Randbereiche. (IFS Management GmbH, 2023; Kramer et al., 2024)
HACCP-Integration in der Praxis
Händehygiene wird in den meisten Betrieben am saubersten als Teil der guten Hygienepraxis und der Basisprogramme geführt, mit klaren Verknüpfungen zu Gefahrenanalyse, Zonenmanagement, Personalhygiene und Produktwechsel-Prozessen. In exponierten Bereichen nach keimreduzierenden Prozessschritten oder mit verzehrfertigen Produkten sollten die kritischen Eintritts- und Tätigkeitsmomente jedoch so streng überwacht werden, dass sie funktional wie ein kontrollierter Freigabeschritt behandelt werden. Definierte Regeln, dokumentierte Beobachtung, klare Abweichungsreaktion und Verifikation sind nötig. Diese Einordnung ist standort- und produktspezifisch und sollte im Lebensmittelsicherheitsmanagementsystem ausdrücklich begründet werden. (FAO and WHO, 2023)
Literaturverzeichnis
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Publikationen & Fachbeiträge
Erfahrung aus der Praxis – weitergegeben in Fachliteratur, Schulungen und Beiträgen zur Lebensmittelsicherheit.



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